Der Lanz – Unser Bulldog

von Hans Obermair

Freitag, 13. August 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Liebeserklärung an einen Schlepper, der den Autor fast das Leben ge­kostet hätte

Heute ist der Name Lanz vielen nur mehr vom Fernsehen her bekannt. Der aus Südtirol stammende Markus Lanz ist ein Moderator, der aus den bundesdeutschen Medien nicht mehr weg zu denken ist. Anläss­lich eines Glonner Pfarrausfluges nach Südtirol waren wir im Hotel des On­kels von Markus Lanz untergebracht. Als ich mit dem Onkel ins Gespräch kam und im eröffnete, dass mir der Name Lanz vom „Bulldog” her geläufig sei und ich in meiner Jugendzeit mit einem solchen viel zu tun hatte, fragte er umgehend „hosch ‘t oan”, oder auch nur Teile – und wenn es nur eine

alte Heizlampe wäre. Der Onkel war nämlich begeistert von den Bulldogs seines Namens. Leider konnte ich ihm nicht dienen. Aber er war auch an meinen Erlebnissen mit diesem Schlepper sehr interessiert. Was auch sonst.

Der „Lanz” aus Mannheim war ab etwa Mitte der 1930er Jahre die meist gekaufte landwirtschaftliche Zugmaschine in ganz Deutschland, besonders in den Ackerbaugegenden. Und so hörte man in der Gegend, besonders während der herbstlichen Zeit des Pflügens, überall diese Bulldogs „schna­ckein”. Besonders in der Ackerbaugegend des Münchner Ostens, dem so genannten „G’fij” (Gefielde) war das das Geräusch des Herbstes.

Dieser meistens 20 PS starke „Einzylinder” mit der Glühkopfzündung nach dem Zweitaktsystem war einfach und robust. Der Glühkopf vor dem lie­genden Zylinder und Kolben verlängerte die Maschine nach vorne. Hier war der Zündteller untergebracht, der vor dem Kaltstart mit einer Lötlam­pe erhitzt werden musste. Das dann von der darüber liegenden Düse auf das Zündteller eingespritzte Diesel explodierte und bewegte den Langhub- Kolben. Der Hubraum war 2.5 Liter und das Gewicht von rund 50 Zentnern brachte die Kraft auf dem Boden.

Die einfache Bauweise des Motors stellte auch keine besonderen Ansprü­che an den Treibstoff. Pro Stunde waren das ca fünf Liter. Man konnte den „Saft” maximal mit einem drittel Ablassöl „strecken”. Dies hatte allerdings den Nachteil, dass die Düse öfter verstopfte und dass nicht alles verbrann­te. Der Rest wurde dann aus dem typischen Auspuff nach oben geschleu­dert, sodass der Fahrer seine „Düpferl” abbekam.

Nicht nur Ablassöl konnte der Lanz „verdauen”. Ein Bulldogfahrer berichte­te, dass er versehentlich einen Kanister Karbolineum in den Tank schütte­te. Sein Resümee: „Aba do hot a guat zog’ n”. Man erzählte auch, dass die Türkei den Kauf von Schleppern ausschrieb. Bedingung war, dass Zig-Ton- nen ranziger Butter zu verwerten seien. Lanz machte das Geschäft.

Hatte der Zündteller die nötige Temperatur, wurde der Bulldog gestartet. Vorher wurde noch über einen kleinen Hebel „eingespritzt”, sodass genü­gend Diesel im Zünd-raum war. Bei den Vorkriegsmodellen erfolgte der Start mit dem abnehmbaren Steuerrad. Man steckte es in die Mitte der seitlich liegenden Schwungscheibe, wippte ein paarmal und zog dann durch. Das Steuerrad dreht sich nun mit dem laufenden Motor – und dann pressierte es, es musste schnellstens abgezogen werden. Genau hier war das größte Gefahrenmoment. Gelang dies nicht sofort, löste sich das Steu­

errad drehend von selbst und konnte wie ein Propeller durch die Luft flie­gen. Unfälle gab es immer wieder. Und so war der Rat eines alten Bulldog­fahrers Gold wert: „Wenn dir das passiert, ist der sicherste Platz unter dem Bulldog!” Dieser Unfallquelle begegnete die Berufsgenossenschaft damit, dass ab Anfang/Mitte der 1950er Jahre feste Antriebsscheiben vorhanden sein mussten. Gegebenenfalls war nachzurüsten. Aber auch die Lötlampe wurde durch eine fest eingebaute Zündvorrichtung zum Starten häufig er­setzt.

Die Pflege dieses Schleppers war einfach: Ölwechsel gab es nicht; er hatte ein eigenes Umlaufschmiersystem. Für die gelegentliche Reinigung des „Kamins” diente bei uns ein alter Offizierssäbel aus dem Ersten Weltkrieg, und ein paar Schmiernippel. Aus! War einmal die Düse verstopft, so konn­te man diese schnell, auch auf dem Feld, mit einer Nadel reinigen.

Der Lanz hatte drei Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Dann den „Über­setzer”, sodass sich die Zahl der Gänge verdoppelte und das Gefährt auch straßentauglich war. Das Getriebe war natürlich nicht synchronisiert. Aber bei geringer Zugbeanspruchung und einer gewissen Technik mit dem Gas­pedal konnte man auch ohne zu kuppeln rauf und runter schalten. Ab den 1950er Jahren musste bei den älteren Modellen der Übersetzungsganghe­bel abgesägt werden, weil diese Modelle nur eine Handbremse hatten, und das entsprach nicht der Vorschrift. Übrigens: Man konnte durch „spie­len” mit dem Gashebel auch die Drehrichtung ändern, sodass man die Vor­wärtsgänge zur Rückwärtsfahrt verwenden konnte. Bei den Anfangs-Lanz- Modellen war dies sogar die einzige Rückfahrmöglichkeit.

Meine Erlebnisse mit diesem Unikum waren ab 1951 auf dem Pachtbetrieb meiner Eltern beim „Wirt” in Ottersberg. Mit den 120 Tagwerk, davon gut zwei Drittel Ackerbau waren nicht nur wir, sondern auch unser Bulldog gut beschäftigt. Zu unserem „Lanz” hatten wir noch den kleineren „Schlüter”. Schon als Bub musste ich mit den Traktoren bei der Ernte „Vorfahren”. Nur wenn man sich „ganz lang” machte, konnte man die Kupplung durchdrü­cken und schalten. Ab etwa 16 war ich dann der Bulldogfahrer auf dem Hof. Im Herbst zum Beispiel saß ich wochenlang täglich auf dem „Lanz” und pflügte. Eine Hand am Lenkrad, die andere an der Spindel des ange­hängten Pfluges. Man fragte mich, ob ich es „im Kreuz” hätte, weil ich so schief daher komme. Es war eben diese wochenlange einseitigen Tätigkeit. Aber auch mein Gehör hatte mit dem „Lanz” auf Dauer zu leiden. Gehör­schutz gab es damals nicht. Und je lauter er bellte, umso besser zog er. Sein Geräusch war so laut, dass man, auch wenn man schrie, sich nicht hö­ren konnte.

Einmal hätte mir der „Lanz” beinahe das Leben gekostet oder mir zumin­dest lebenslange Invalidität eingebracht: Ich pflügte einen Kleeacker um. Beim Ausheben des Pfluges an der Querfurche, ich hatte schon das „Gas” zurückgenommen, starb der Motor ab. Ich startete mit dem Lenkrad den Bulldog wieder in gewohnterWeise. Ein weghängender Flicken an meinem Handschuh hatte sich aber im Lenkrad verfangen, sodass ich die Hand nicht mehr vom Rad brachte. Ich wurde mit der Drehung in Richtung Kot­flügel gezogen und hörte es in meiner Schulter schon krachen. Da schlug der Motor, Gott sei Dank, zurück und ich flog rücklings aufs Feld. Wäre, wie gewohnt, der Handgashebel auf „Voll” gewesen, hätte es keinen Rück­schlag gegeben und ich wäre womöglich allein auf dem Feld meinem Schicksal ausgeliefert gewesen. So aber konnte ich meine Arbeit fortset­zen.

Im Sommer 1957 kauften wir uns dann einen weiteren Schlepper, der den „Lanz” weitgehend ersetzte. Dieser war dann nur noch auf „Reserve”. Aber immer wieder musste er vor den Pflug. Es war schön mit ihm zu fahren.

Und so kann ich die heute noch übliche „Lanzleidenschaft”, wie man sie heute bei Oldtimertreffen erleben kann, gut verstehen. Die Faszination „Lanz” mag man auch daran ermessen, dass der Gebrauchsname „Bull­dog”, der ursprünglich nur für Lanzschlepper allein gültig war, heute noch als Synonym für alle Traktoren verwendet wird. Dies dürfte ziemlich ein­malig sein in unserer Industriegeschichte.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn

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